Wenn sich die Welt verändert: Von der Industrie 4.0 zur KI-Ära
- Erfurt 13.08.2025 ThEx Board IHK Erfurt
„Damals“, so begann Espig, „wurden Kutschen gebaut wie nie zuvor. Die Haferhändler hatten Rekordumsätze, und die Stimmung war optimistisch.“ Zehn Jahre später: dieselbe Straße, derselbe Blick – aber keine Pferde mehr. Autos wohin das Auge reicht. Die Hufschmiede mussten umlernen, die Haferhändler schlossen ihre Läden.
„So“, sagte Espig mit ruhiger Stimme, „fühlt sich Veränderung an. Man merkt erst, dass sie da ist, wenn es zu spät ist.“
Von der Industrie 4.0 zur KI-Ära
Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch seinen Vortrag: Technologischer Wandel passiert nicht in Sprüngen, sondern in Wellen – und wer sie nicht erkennt, wird von ihr überrollt. 2014 war Deutschland stolz auf seine Ingenieurskunst. Volkswagen war größter Automobilhersteller der Welt, „Made in Germany“ galt als Gütesiegel für Präzision und Qualität.
Zur selben Zeit arbeitete China an etwas anderem. Unter dem Programm „Made in China 2025“ definierte die chinesische Regierung zehn Schlüsselbranchen, in denen sie zur Weltspitze aufschließen wollte – darunter Elektrofahrzeuge und die nächste Generation der Informationstechnik. Zwei Jahre später erklärte der Staatsrat Künstliche Intelligenz mit dem Entwicklungsplan für eine KI der neuen Generation ausdrücklich zur strategischen Schlüsseltechnologie: Bis 2025 solle China Weltniveau erreichen, bis 2030 zum weltweit führenden KI-Innovationszentrum werden (Europäisches Parlament / EPRS 2021). Ein Jahrzehnt später fällt die Bilanz gemischt aus: Bei Schienenfahrzeugen, Elektroautos und grünen Energietechnologien sind chinesische Hersteller heute wettbewerbsfähige Technologieführer und kommen fast ohne importierte Teile aus, bei Robotik, Luftfahrt und neuen Werkstoffen blieb China hinter den eigenen Zielen zurück – im Robotermarkt etwa bei 48 statt der angepeilten 70 Prozent (Merics 2025). Die US-Prüfkommission USCC kommt zu dem Ergebnis, dass China seine Ziele in der Hälfte der zehn Technologiefelder weitgehend erreicht hat (USCC 2025). Die häufig zitierte Quote von 86 Prozent stammt nach Darstellung derselben Kommission aus einer Zeitungsauswertung und nicht aus einer geprüften Bilanz; wir führen sie deshalb nicht an.
„Das sollte uns zu denken geben“, so Espig. „Während wir auf Bewährtes vertrauten, hat China gelernt, geforscht und umgesetzt. Über ein Jahrzehnt hinweg, ohne Kurswechsel.“
Künstliche Intelligenz ist kein Versprechen – sie ist ein Werkzeug
Im Zentrum seines Vortrags stand die Erkenntnis, dass Künstliche Intelligenz weder Wunderwaffe noch Bedrohung ist, sondern ein Werkzeug. „KI ist nur so gut wie der Mensch, der sie bedient – und der Rahmen, in dem sie arbeitet.“
Prof. Dr. Espig sprach aus Erfahrung. Als Mathematiker, Forscher und Unternehmer hat er nach eigener Zählung über 60 KI-Projekte in Industrie und Mittelstand begleitet. Sein Fazit:
„Die meisten KI-Projekte scheitern nicht an der Technologie, sondern an der fehlenden Struktur.“
KI braucht saubere Daten, klar definierte Prozesse und eine durchdachte Architektur. Genau daran arbeitet die E&O Gesellschaft für Integrierte KI-Systeme mbH – an Architekturen, die zu den Daten und Prozessen passen, die im Haus bereits vorhanden sind.
Struktur schafft Intelligenz
Ein Beispiel dafür ist das von uns entwickelte System Kybernos for Business – ein integriertes KI-System zur Unternehmensbegleitung und Startup-Beratung.
Auf Grundlage eines Foundational Business Model werden Geschäftsideen nach 17 Kernkategorien strukturiert und anhand hinterlegter Kriterien bewertet.
Der Gewinn liegt im einheitlichen Raster: Jedes Vorhaben wird an denselben Kategorien geprüft, wo ein Beratungsgespräch seinen Maßstab jedes Mal neu setzt. Das macht Vorhaben untereinander vergleichbar. Gründerinnen und Gründer sehen, welche der 17 Kategorien belegt sind und welche offen bleiben. Über die Tragfähigkeit einer Idee entscheidet das nicht – das Raster bleibt eine Setzung.
Das Ziel ist nicht, menschliche Intuition zu ersetzen, sondern sie zu erweitern:
„KI kann Daten lesen. Aber den Sinn darin erkennen – das bleibt unsere Aufgabe.“
Die Frage der Unabhängigkeit
Deutlicher wurde Espig bei der Abhängigkeit von ausländischen KI-Modellen. Er warnte davor, die eigene Wertschöpfung auf Systeme zu stützen, über deren Verfügbarkeit man nicht selbst entscheidet.
„Wenn diese Systeme abgeschaltet würden, wäre das wie ein Stromausfall für unsere Wirtschaft – und keiner hat ein Notstromaggregat.“
Sein Appell war klar: Deutschland braucht eigene, offene Sprachmodelle – trainiert auf unseren Daten, basierend auf europäischen Werten und Datenschutzstandards. Nur so könne digitale Souveränität langfristig gesichert werden.
Mensch und Maschine – kein Gegensatz, sondern eine Symbiose
Zum Ende seines Vortrags schlug Espig den Bogen zurück zum Menschen.
Er sprach über die Gefahr, KI als Ersatz zu sehen, statt als Unterstützung – und über die Bedeutung menschlicher Begegnung in einer zunehmend automatisierten Welt:
„Es macht einen Unterschied, ob Sie einen Text von einer Maschine lesen oder einem Menschen gegenüberstehen. Innovation entsteht im Dialog – nicht im Code.“
Unser Fazit
Bei der E&O Gesellschaft für Integrierte KI-Systeme mbH teilen wir diese Überzeugung:
Künstliche Intelligenz ist dann wertvoll, wenn sie den Menschen stärkt – wenn sie uns hilft, besser zu denken, klüger zu handeln und mutiger zu entscheiden.
Die Zukunft gehört nicht denen, die Angst vor der Maschine haben.
Sie gehört denen, die sie verstehen – und mit ihr gestalten.
Quellenverzeichnis
- Jochheim, U. (2021). China's ambitions in artificial intelligence (PDF). At a Glance, PE 696.206. Europäisches Parlament, Wissenschaftlicher Dienst (EPRS), Brüssel.
- Mischer, A. (2025). Made in China 2025 – successful enough to make an industrial-policy sequel credible. Mercator Institute for China Studies (MERICS), Berlin, 25. August 2025.
- Blaugher, D., & Gordon, B. (2025). Made in China 2025: Evaluating China's Performance. U.S.-China Economic and Security Review Commission, Washington D.C., 14. November 2025.
Über den Autor
Prof. Dr. rer. nat. Mike Espig
Professor für Mathematik und angewandte Künstliche Intelligenz in der Industrie an der Westsächsischen Hochschule Zwickau · Gründungsleiter der Data Science Research Group · Geschäftsführer der E&O Gesellschaft für Integrierte KI-Systeme mbH
Zuvor Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften und RWTH Aachen. Arbeitsschwerpunkte: numerische Verfahren für hochdimensionale Probleme, Tensormethoden und der Einsatz von Sprachmodellen in mittelständischen Unternehmen.